Bücherempfehlung

Was Literatur kann – Bücherempfehlung zum Weltverstehen

„Aus diesem Grund ist das Begehren, abge­sehen davon, dass es nicht Gegenstand einer Vermessung sein kann, gegen jede Form der Anpassung an die Realität resistent.“ Massimo Recalcati

Wie finden Frauen und Mädchen in gegenwärtigen Verhältnissen zu ihrer Subjektivität – zu dem, wer sie sind und was sie wollen? Wo ist ihre individuelle Leidenschaft, die sie antreibt und ausmacht? Was macht einen Menschen einzigartig und unberechenbar, ohne rücksichtslos zu sein?  Sind es die unerfüllten Wünsche, bedeutsame Beziehungen, bohrende Fragen, Missstände und mangelhafte Bedingungen? Was riskieren Frauen, um frei zu sein, beispielsweise von Erwartungen? Um eigene Antworten zu finden, jenseits von gegebenen Diskursen und vorherrschenden Meinungen?  Und wer, wenn nicht Literatur kreist um diese Fragen, ohne Antworten zu versprechen?

Sarah Trentzsch

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„Möchten Sie wissen, was ich für den Grund Ihrer schlechten Laune halte?“

Lisa Alther: Schlechter als morgen, besser als gestern

Das Beängstigende an einer therapeutischen Beziehung ist zugleich das Aufregende, ja das Befreiende daran: die Intensität der Begegnung, der Aufmerksamkeit und Anteilnahme, ohne dafür das Gegenüber bei Laune halten zu müssen. Diese verstörende Erfahrung macht Caroline mit ihrer Therapeutin Hannah. Sie wird schneller als ihr lieb ist in die Reihe derjenigen eingereiht, die sie in ihrem Leben auf einen Sockel gehoben hat. Hannah hingegen entzieht sich dieser Bewunderung nicht, noch nährt sie sie oder knüpft Erwartungen daran. Sie ist schlicht da und dreht den Spieß der Lebenserfahrungen von Caroline um. Die Idealisierte sorgt sich um Caroline und ihre Leiden, weil sie aufrichtig Sympathie für sie empfindet, weil sie etwas von ihren Leiden ahnt, und weil sie es schlicht gut kann, nicht ohne eine gewisse Selbstironie entwickelt zu haben.

Die Therapiestunden von Caroline und Hannah sind eingebettet in die verkorksten Leben von beiden Frauen. Auch das von Hannah ist nicht ohne Schicksalsschläge und Untiefen. Ihre Sicht auf die Welt ist schließlich optimistischer, ihre Gefühlswelt gelassener und ihre Erfahrungen haben sie nicht zerstört, sondern gestärkt. Freilich, sie trinkt zu viel, raucht Kette, mag zynisch sein und abgeklärt. Caroline hingegen misstraut ihren Wünschen nach Nähe zu einer ihr fremden Person die nur mehr zuhört, Aufgaben stellt, die sie nicht überprüft und so tut als wüsste sie etwas über das Leben und die Beziehungen der anderen. Caroline, die zugleich anlehnungsbedürftig und scheu ist, kann gleichzeitig souveräne Aktivistin, verantwortungsvolle Mutter und leidenschaftliche Geliebte sein. Sie will gleich zu Beginn von Hannah ihre Homosexualität anerkannt bekommen, bevor sie geneigt ist, ihr Vertrauen entgegen zu bringen. Die nicht mehr junge Frau unterstellt der Älteren alle möglichen Strategien, um sich ihr nicht öffnen zu müssen. Wenn sie es doch tut, bringt sie die Selbstgewissheit der erfahrenen Therapeutin ins Wanken, in der Weise wie ungeschützt sie ihren Schmerz zuweilen zeigt. Es ist eine Hin und Her, ein Abwägen von Kontakt knüpfen und Rückzugmanövern begleitet von den Inneneinsichten in die ungleichen Frauen. Wir erfahren, was sie jeweils von der anderen halten, ohne es zu zeigen, während sie mit launischer Emphase agieren; wie sie um ihre außeralltägliche Beziehung ringen und sich Stück für Stück der Anderen annähern; und schließlich wie sie einander helfen, mehr von sich, von der Welt und von der Verknüpfung von beiden zu verstehen und – wer sagt’s denn – lieb zu gewinnen.

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„Das war gestern Abend so um zwölf, da fühlte ich, dass etwas Großartiges in mir vorging.“

Irmgard Keun: Das Kunstseidene Mädchen

Irmgard Keun ist mit ihren ersten beiden Büchern aus den frühen 30er Jahren über Nacht berühmt geworden und wurde wenig später von den Nazis wegen selbigen aus dem Land gejagt. Sie beschreibt in ihrem zweiten Roman, was in vielen Texten eines ihrer elementarsten Themen ist und ihr die späte Anerkennung durch die Zweite Frauenbewegung einbringen wird: Wie widersprüchlich, heuchlerisch und ausbeuterisch die Anforderungen an Frauen in der emanzipierten Weimarer Republik und folgend sind, und welche Konsequenzen und Fähigkeiten Frauen aus diesem Dilemma schlagen. Ob eine Schwerverdiente ein Glanz sein kann wird ebenso konsequent verhandelt wie die Frage nach den Geschlechtern. Der Ton den Doris anschlägt ist naiv, ganz im Bewusstsein ihrer mangelhaften Bildung, ihrer ärmlichen Herkunft, ihrer gesellschaftlichen und geschlechtlichen Minderwertigkeit, wie ihre Umwelt sie vermittelt. Aber aus eben diesen Erfahrungen – ihrer Herkunft einerseits und ihrem Ehrgeiz nach Glanz andererseits – speist sich ihre kühle Analyse der kapitalistischen und patriarchalen Verhältnisse, die ihresgleichen sucht.

Die mittellose Angestellte Doris, die von Job zu Job, von Mann zu Mann tingelt auf der Suche nach dem Nötigsten und dem Herausragenden weiß mehr über das Zwischenmenschliche, die Einsamkeit und die Armut als die meisten mir bekannten Romanheldinnen. Sie berauscht sich nicht an der dekadenten Bohème, die doch ihr erklärtes Lebensziel ist. Dafür hat sie zu viel verstanden von der Heuchelei der Männer und der Anpassungsbereitschaft der Frauen. Letzteres betrachtet sie mit Nachsicht, ersteres eher nicht. Wenn einer es zu etwas bringen will, darf er ein armes Mädchen sitzen lassen. Wenn er ihr dafür die Schuld gibt, sieht sie rot. Ihre beste Freundin darf einem Verheirateten glücklos nachhängen und ihre Mutter aus Einsamkeit einen ungeliebten Mann nehmen. Wenn die Herren der Schöpfung sie aber für ihre Bedürfnisse gebrauchen, um ihr anschließend Lebensweisheiten zu servieren, vergisst sie ihre hart trainierten Manieren und bringt sich auch schon mal um eine immerhin gesicherte Existenz. Doris ist ganz klar ein Mädchen ihrer Zeit, wie wir sie uns gerne vorstellen: frech, schlagfertig, ein bisschen wild und wenig zimperlich. Aber sie ist doch noch etwas mehr: Eine junge Frau mitten drin mit Blick darauf.

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„Meine Mutter gehörte zu den Frauen, die nie verlassen wurden.“

Ulrike Edschmid: Die Liebhaber meiner Mutter

Die alleinerziehende Kriegerwitwe in einer alten Burg in der Röhn ist eine Gefahr für die Ehefrauen der Region. Sie bewegt sich nicht weit hinaus und doch tauchen die Liebhaber an ihrer Türschwelle auf. Was sie bei ihr suchen und finden wird nicht klar aus der Perspektive der Tochter, die die wechselnden Männer im Leben der Mutter ohne die geringste Spur von Bitterkeit, Eifersucht oder Irritation zur Kenntnis nimmt. Die Innenperspektive der Protagonistin bleibt jedoch bis zum Schluss der Geschichte ihr Geheimnis. Manche Männer wollen ein Leben mit ihr aufbauen, einige das Tanzbein schwingen, ihr Lachen hören, ihre Ehefrau im Haus ersetzen oder einfach eine gute Gesprächspartnerin. Die Mutter, die keinen Namen erhält, füllt jede dieser Rollen scheinbar ohne Zögern aus. Die Frage, warum der, warum so, stellt sich vielleicht nicht einmal die Figur selber. Sie hat etwas Beobachtendes, Abwartendes und bleibt von den vielen Abschieden in ihrem Leben offenbar unberührt. ‚Sie bestimmte, wann die Zeit um war. Sie tat es ohne Bedauern‘ sagt die Tochter über ihre Mutter.

Das Buch wirft Fragen auf, deren Beantwortung es sich schlicht entzieht. Es geht hier nicht um Details, um Wahrheit schon gar nicht, scheint mir; vielmehr um eine Stimmung die im Kontrast zum Inhalt steht. Einiges bleibt vage, ungenannt, im Verborgenen, ja geheimnisvoll. Die Realität ist geradezu erschütternd. Armut, Einsamkeit, die Härte der Jahreszeiten, das Ende eines grausamen Regimes und der Verlust des Partners, zwei kleine Kinder und lose familiäre Bande ohne Unterstützung. Was wir aber von der Frau erfahren ist nicht ihr Leid, sondern ihre Leichtigkeit. Sie tanzt, erzählt Geschichten, lacht und kocht und näht und webt, leichtfüßig wie ein junges Mädchen, reif wie eine Frau, verantwortungsvoll wie eine Mutter, nachdenklich wie eine Witwe. Und ja, vielleicht geht es gar nicht um Rollen, sondern um Persönlichkeit. Denn die Mutter ist ja kein Abziehbild, sondern facettenreich wie alles und alle anderen auch, und nicht zuletzt so wird sie uns gezeigt.

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Weitere folgen …